Ein paar von euch haben es bereits via Instagram (ohne Schmarrn schön langsam meine Lieblings-App, runterladen wer’s noch net hat, nur so am Rande erwähnt ;-)) mitbekommen: Ich hab vor einiger Zeit einen jungen Wandersmann ein Stück seines Weges begleitet. Und der Weg ist ein langer. Denn der motivierte Pilger hatscht doch ernsthaft von Wien nach Marokko.
Nicht weit weg von seinem Zuhause, aber doch ein Stückerl vom Startpunkt Wien: Damberg bei Steyr
Ernst, 26, stammt aus Weistrach im wunderschönen Mostviertel. In unserer gemeinsamen Heimat sind wir uns wohlgemerkt noch nie über den Weg gelaufen – wohl aber auf Instagram (da isses wieder!). Eines Samstagabends unbekannterweise kurz ins Tratschen gekommen, stellt sich die kleine Carmen doch gleich den Wecker für den nächsten Morgen etwas zeitiger als geplant… denn der Wandersmann macht gerade Station am Damberg, zieht in wenigen Stunden weiter und freut sich über ein bisserl Begleitung. Sagt er zumindest.
Gesagt, getan. Ich geh ja gern. Voller Zuversicht, dass das schon ein lockerer Typ sein muss, wenn er so ein wagemutiges Unterfangen beschreitet, treffen wir uns also für ein paar gemeinsame Kilometer.
Schaut ja eh so liab, was soll da schon schiefgehen.
Ich muss zugeben, dass ich keinen Plan B hatte. Bei fehlender Gesprächsbasis wär ich vermutlich einfach davongelaufen, immerhin erschien ich eh im Laufgwand, um das plausibel wirken zu lassen. Aber nichts da, so unterhaltsam war’s, dass ich viel zu weit mitgewandert bin! Voll verquatscht, kann man sagen.
Verruchter Blick beim Kräutln. Was ich ihm da wohl grad erzählt hab?
Zuerst mussten wir uns ja mal kennenlernen, der Ernst und ich. Der ist übrigens gar nicht so ernst, sein Name allerdings eine wahre Tugend. Verleiht dem Ganzen eine gewisse Ernsthaftigkeit, auf einer gewitzten, humorvollen Basis. Er pilgert in rund vier Monaten von Wien (wo er lebt) nach Marokko, schreibt, denkt ganz viel und tut das gern kund. Auf nachvollziehbare, massentaugliche Art und Weise, wie ich finde. Der erhobene Zeigefinger kommt nie ungut daher, sondern deutet schlicht auf Sachverhalte, deren man sich sonst vielleicht noch nicht angenommen hätte.
Wo is noch mal dieses Marokko? Da isses! Da drüben! Oder?
Und weil ich interessant finde, was ihn bewegt, aber für weitreichende Gespräche nicht genügend Zeit war, stellte ich dem Ernst kurzerhand nachträglich fünf Fragen. Die Antworten kommen exklusiv für euch direkt von seinem Weg, aus Frankreich, daher:
„Jeder, der einmal über einen längeren Zeitraum gegangen ist, weiß, dass sich dies zu einem kontemplativen Akt entwickeln kann, der beruhigt. Die Stille der Natur kehrt in einen ein. Und in dieser Stille kommen Gedanken zum Vorschein, deren man sich gar nicht bewusst war, nicht ahnte, dass die in einem schlummern. Und dann geh ich diesen nach und es entwickeln sich Worte, Sätze, Seiten und ja, es wird sogar gemunkelt, dass sogar ein Buch aus diesem längeren Hatscher entstehen wird (nähere Infos auf ernstjetzt.com).“
„Nichts. Das ist genau die Magie des Pilgerns. Die Wahrnehmung verändert sich. Du nimmst die Wahrheit so an, wie sie ist. Auch wenn die 100 Zimmergenossen im Schlafsaal schnarchen wie ein paar grunzende Schweinchen; auch wenn es regnet, stürmt oder schneit; auch wenn der kleine linke Zechn doppelt so groß wie normal ist, weil sich eine Blase gebildet hat – versucht man das beste aus der Situation rauszuholen, nicht mehr und nicht weniger.“
„Ich mag es, in einer Stadt oder einem Dorf anzukommen, ohne zu wissen, wo man denn heute übernachten wird. Diese Angst, die durch die Ungewissheit entsteht, lässt sich durch Courage, Urvertrauen und vielleicht auch einen Funken Naivität gut neutralisieren. Und aus dieser Abenteuerlust nach 25-50 km Fußmarsch ergeben sich die kuriosesten Geschichten, die ich auch bewusst herauskitzeln möchte.“
Life of a Pilger: Zaungespräche. Vielleicht, um Geschichten rauszukitzeln.
„Ganz klar mein Deo von Weleda. (Keine Schleichwerbung – ein Faktum!) Nach einem 50 km Spaziergang kann’s schon mal vorkommen, dass man vom Geruch her mehr einem Schärdinger-Stinkkäse oder einem Ziegenbock ähnelt. Und um zu verhindern, dass die Gäste im nächsten französischen Beisl in Ohnmacht fallen, habe ich das blaue Deo, das gar nicht so nach Öko-Deo riecht, sofort so griffbereit wie Lucky Luke seine Pistole.“
„Jedes einzelne Stück. Ich bin felsenfest überzeugt, dass man auch ohne Rucksack und Inhalt pilgern könnte – auch ohne einen Groschen, wie Oma zu sagen pflegt. Du wirst als Pilger auf Händen getragen. Das ist keine Legende, sondern eine immer wiederkehrende Erfahrung. Aber ich würde es der Gattung „Abenteuerfrei-lebenden-Menschengfrastern“ nicht empfehlen, die schnell hangry (hungry + angry = hangry) werden und auch keiner Prinzessin, die täglich ihr Haar mit L’Oréal (hierbei handelt es tatsächlich um eine Werbung, allerdings um eine Anti-Werbung) waschen muss. Just saying.“
Heimliche Leidenschaft: ein erstes idyllisches Kirchenfoto. [Muahaha, sry, Ernst! Wer mehr über Ernst und seine Glaubenssätze wissen mag, sollte ihm schleunigst via Instastories auf seinem Weg folgen.]
Ja, und worum geht’s uns da also jetzt? Richtig: Ums GEHEN. Wer in der glücklichen Lage ist, gehen zu können (und damit meine ich in erster Linie körperlich, denn die Zeit lässt sich immer auftreiben), sollte das tun. Ich gehe ja für mein Leben gern. Täglich mit dem Hund, in der Freizeit auf den Berg, am liebsten lang und zäh. Es erdet mich, es gibt mir Zeit.
So lange wie Ernst war ich allerdings noch nicht auf dem Weg. Meine umfangreichste Weitwanderung ist mini-fuzi-klein im Vergleich, 8 Etappen des Alpe-Adria-Trails vor ein paar Jahren. Ein paar Zweitagestouren sonst noch… aber ich sag’s euch, ein einziger langer, durchwanderter Tag reicht, um eine Erkenntnis nachzufühlen, von der einst Goethe schon gesprochen hat: Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen. Und mir geht’s gut, wenn ich wirklich da war. Verstehst?
Bleibt mir nur noch zu sagen: Ich bin dann mal weg! Mittwoch bis Freitag steht endlich mal wieder eine mehrtägige Tour am Programm. Ziel: Mariazell. Da kann man glauben, was man will – pilgern tut man ja schließlich doch, um bei sich selbst anzukommen.
P.S.: Wer den Ernst trifft, sollte bittschen ein Stückerl mit ihm gehen! Es ist so schön, einen Freigeist aus der Nähe ziehen sehen.
So schlimm ist er gar nicht, versprochen.
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