goodblog im Lebensart Magazin: Milchproduktion - Burnout im Kuhstall

Milch: Heiß geliebt, scharf bekrittelt

20. Juni 2016 , In: Ernährung, Konsum
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Gut ist: hinter die Kulissen zu blicken

Wisst ihr, wie die Kühe gehalten werden, von denen ihr eure Milch bekommt? Kümmert ihr euch darum?

Momentan ist es ja ohnehin nicht sehr modern, Milch zu konsumieren. Sämtliche Formen von Pflanzenmilch werden angeboten. Aber nichts desto trotz gibt es eine Vielzahl an Produkten, die der durchschnittliche Nicht-Veganer kaum missen möchte, auch wenn darin Milch enthalten ist. Nun kann man sich den Mund fusselig reden, wie gut oder schlecht es ist, Fleich zu essen. Man solle doch auf jeden Fall unbedingt auf die Umstände eingehen, unter denen die Tiere gehalten werden und schlussendlich zu Tode kommen. Wie ist es aber mit jenen, die länger leben dürfen, weil sie uns teils riesige Mengen Milch zur Verfügung stellen?

goodblog im Lebensart Magazin: Milchproduktion - Weidehaltung

Ich hab vor einiger Zeit für das Lebensart Magazin einen Artikel über die Milchproduktion verfasst und mit Experten gesprochen.
Mein Fazit: Ja, natürlich (haha ;-)) ist die biologische Variante im Geschäft meine bevorzugte Wahl. Es gibt aber nicht nur Schwarz und Weiß auf unserer schönen, bunten Welt. Radikale Bewertungen sind also selten gut und lassen die Schattierungen dazwischen völlig verblassen. Für den konkreten Fall bedeutet das: Es gibt neben den vielgepriesenen Bio-Bauern auch viele konventionelle Landwirtschaften, denen das Wohl ihrer Tiere am Herzen liegt. Aus allen möglichen Gründen haben sie jedoch ihre Betriebe (noch) nicht auf eine Bio-Zertifizierung umgestellt. Die ist übrigens auch teuer und an alle möglichen Bedingungen gebunden, das darf zwischendurch ruhig mal bedacht werden!

Mir persönlich ist es wichtig, Dinge und vor allem Lebensmittel zu kaufen, von denen ich weiß, wo sie herkommen. Während ich das im Supermarkt nur durch diverse Plaketten nachvollziehen kann und mich darauf verlassen möchte, geht das im persönlichen Kontakt mindestens genauso gut. Kauft man ab Hof ein, kann man sich vom Drumherum selbst einen Eindruck verschaffen. Und der Lieferant bekommt dadurch ein Gesicht, das ist doch auch schön.

Ich möchte dazu anregen, dieses Verhalten ein wenig zu reflektieren und keinesfalls plötzlich alles aus konventioneller Landwirtschaft zu verteufeln. Habt ihr beispielsweise schon mal darüber nachgedacht, dass die selbstgemachte Marmelade aus dem eigenen Garten ja auch nicht Bio ist, wenn ihr keine Zertifizierung habt?

Für kompaktes Hintergrundwissen zur Milchproduktion empfehle ich euch jedenfalls meinen Artikel wärmstens:

goodblog im Lebensart Magazin: Milchproduktion - Burnout im Kuhstall

Der Artikel im Lebensart Magazin: Burnout im Kuhstall


„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation

kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.“

Mahatma Gandhi (1869-1948)

 

Wertvolle Milch

Heiß geliebt, scharf bekrittelt – kaum ein Lebensmittel wird so viel diskutiert wie die Milch. Wir haben mit Experten über die Produktionsbedingungen gesprochen.

Während den Asiaten sogar ein wichtiges Enzym zur Milchverdauung fehlt, bildet die Milchwirtschaft in unserem westlichen Kulturkreis seit jeher eine wichtige Säule der Ernährung. Die Frage, ob sie uns überhaupt gut tut, wird dieser Tage immer öfter gestellt; Laktose als Bösewicht ist in aller Munde. Dabei sollten wir viel eher kritisch beäugen, wie die moderne Milchproduktion abläuft. Wie kann es sein, dass sich die durchschnittliche Milchmenge pro Kuh in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt hat – und schmeckt uns das überhaupt noch?

Bedingungen der Milchproduktion

„Vor dem EU-Beitritt gab eine Kuh rund 3.800 Kilo Milch jährlich“, erklärt Andreas Steidl, Leiter des Qualitätsmanagements von Ja! Natürlich. „Damit sich die Leistung verdoppeln konnte, mussten die Bauern die Produktivität erhöhen.“ Sie konzentrierten sich auf noch leistungsfähigere Milchkühe, wählten sogenannte milchbetonte Rassen. Solche Tiere fressen aber anders. Sie benötigen mehr Futter. Die Kuh als Grünlandverwerter Nummer 1 kommt dann mit Gras und Heu allein nicht mehr aus: „Der Anteil an Futter mit höherem Energieanteil wie Maissilage und Getreide wurde deutlich gesteigert“, so Steidl. Diese Zuführung von Energie durch Lebensmittel, die auch anders – also für den Menschen – verwendet werden könnten, betrachtet Nicholas Fürschuss von Bio Austria skeptisch. „Warum sollen wir verfüttern, was anderswo gebraucht wird, wenn ohnehin nur schlechte Auswirkungen zu erwarten sind?“

Denn diese sind in der Tat beträchtlich: „Wir geben den Kühen hochwertige Lebensmittel und vergessen dabei, wie es ihnen dabei überhaupt geht. Artgerecht ist das nicht“, meint Fürschuss. „Genetisch ist die hohe Milchleistung ja vorhanden und möglich, kann aber nur mithilfe von Kraftfutter auch abgerufen werden.“ Wenn die ganze Kraft einer Kuh in die gewaltige Milchmenge fließt, die sie nach der Geburt ihres Kalbes geben muss, sei der Organismus leider einfach überfordert, so sind sich die beiden Fachmänner einig. Dabei ist der Stoffwechsel des Tieres in dieser Phase ohnehin stark belastet. In der Folge leidet nicht nur das Tier, weil ihm zu viel abverlangt wird, sondern über kurz oder lang auch die Umwelt: „Um den physiologischen Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, braucht es teilweise Medikamente“, bedauert Fürschuss.

Medikamente zur Stabilisierung

Der vorbeugende Einsatz von Antibiotika sei in Österreich verboten, so der Bio-Experte. Es handle sich beim Medikamenteneinsatz um eine Symptombereinigung. Eine Beseitigung jener Auswirkungen, die dadurch entstehen, dass man entgegen der Natur des Tieres handelt. Das zeigt sich übrigens auch in der Fruchtbarkeit der Kühe: Ist der Organismus überfordert, bringt die Kuh nicht mehr so viel Energie für Nachwuchs auf. „In Österreich wird eine Kuh im Schnitt etwa sechs bis sieben, bei Biobauern noch ein Jahr älter. In dieser Zeit bekommt sie rechnerisch 3,6 Kälber in der konventionellen sowie 4,5 in der biologischen Landwirtschaft“, berichtet Qualitätsmanager Steidl. „In Norddeutschland sind die Zahlen ganz anders; dort bekommt die Durchschnittskuh in ihren nur vier bis fünf Lebensjahren 2,2 Kälber.“ Von Milchleistungen mit einem Stalldurchschnitt von 10.000 Kilo pro Kuh und Jahr, aber mit dem erschreckenden Trend Richtung 14.000 Kilo hört man etwa aus Holland und Frankreich. Dass unter so einem Energiespektrum die Fruchtbarkeit leidet, liegt auf der Hand. Steidl kann aber beruhigen: „In Österreich ist auch der Einsatz von Hormonen verboten. Es kann vorkommen, dass der Tierarzt eine Kuh bei Fruchtbarkeitsproblemen temporär behandelt. Dann darf der Bauer die Milch aber keinesfalls abliefern, was behördlich kontrolliert wird.“

Strenge Auflagen, harter Preis

Eine Vielzahl klarer Regeln sorgt dafür, dass uns die Milch aus den Supermarktregalen eben doch noch schmecken kann. So gelten etwa in der biologischen Landwirtschaft Kraftfutterbegrenzungen, die ihrerseits natürlich auch Leistungsbegrenzungen nach sich ziehen. „Die Entwicklung geht eindeutig in Richtung Lebens-, anstatt Milchleistung. Das bedeutet, dass ein Bauer möglichst viele Kälber pro Kuh als Zielsetzung hat. Das ist immerhin auch ein finanzieller Aspekt“, erläutert Nicholas Fürschuss. „Man hat eine Kuh länger, weil sie nicht so ausgezehrt ist. Die Milchleistung soll weder extrem hoch, noch niedrig sein – sondern ausgewogen.“ Muss die Kuh eine für sie normale Leistung bringen, reicht das Futter, das im Grünland zu finden ist. Stimmen Fütterung und Leistung, ist der physiologische Haushalt der Kuh im Gleichgewicht. Sie lebt länger, bringt mehr Kälber zur Welt und braucht keine oder kaum Medikamente. Sind all diese Faktoren im Einklang, passt auch der von den Tieren hervorgebrachte Dünger. Denn wenn nicht, kommt es vielerorts zu einer Überversorgung des Bodens – und das beeinflusst natürlich wiederum den Kreislauf.

Der Trend bei Bio-Höfen zeige, dass alte Rassen wieder vermehrt von Interesse seien, erzählt Fürschuss. Sie sind robust und im Gesamtkonzept stimmig. Was allerdings außer gesunden Tieren noch dringend vonnöten ist, sei eine Bewusstseinsbildung der Konsumenten. „Der Preis für Milch im Laden ist viel zu billig. Würde die EU-Förderung wegfallen, müsste es realistisch auch ganz ein anderer sein“, ist sich Fürschuss sicher. Er weist auf den großen Arbeitsaufwand hin, den ein Milchbauer schon alleine wegen der zweimal täglich anfallenden Stallarbeit hat. Biologische und konventionelle Landwirtschaft ziehen hier an einem Strang: Gemeinsam müsse man dafür arbeiten, dem wichtigen Lebensmittel Milch und seiner Produktion wieder eine gebührende Wertschätzung zuteil werden zu lassen.

Christa Übellacker, 28, Milchbäuerin in Sonntagberg/NÖ:

goodblog im Lebensart Magazin: Milchproduktion - Christa1/5 weniger Lohn für Milchbauern

„Ich habe 2013 die Landwirtschaft meiner Eltern übernommen. Um ehrlich zu sein: Ich war so jung, dass ich nicht viel darüber nachgedacht habe und gänzlich ohne Erwartungen losgestartet bin. Ich liebe es, im Einklang mit der Natur und den Tieren zu arbeiten. Was mir allerdings Sorgen macht, ist die Wertschätzung gegenüber der Herstellung unserer Lebensmittel in der Gesellschaft. Und natürlich auch die Schwankungen von Milch- und Viehpreis, die Abhängigkeit vom Weltmarkt, dem wir durch den freien Milchmarkt noch mehr unterliegen. Die Kühe müssen immer mehr Milch geben, weil der Preis unbeständig ist und sinkt, Arbeit und Ausgaben jedoch nicht weniger werden. Welche Berufsgruppe würde das sonst noch akzeptieren, ein Fünftel weniger Lohn zu erhalten, so wie es das Jahr 2015 bei uns erbrachte… Manche meiner 20 Milchkühe werden übrigens zehn oder zwölf Jahre alt, obwohl ich einen konventionellen Hof führe – man darf die Betriebsformen in Österreich wirklich nicht pauschalisieren.“

  1. Antworten

    Ein toller Artikel, wirklich aufschlussreich! Das Problem mit dem Milchpreis habe ich mitbekommen, aber finds toll auch mal ein bisschen Hintergrundinfo dazu zu bekommen!

    Liebe Grüße, Julia

      • Carmen
      • 19. Oktober 2016
      Antworten

      Vielen Dank, liebe Julia! Ja, an den Hintergrund kommt man sonst irgendwie nicht so ran, wenn man nicht grad in landwirtschaftlichen Kreisen verkehrt. Ging mir genauso – aber ich bin sehr froh, durch meine Arbeit die Nase in solche Angelegenheiten stecken zu „müssen“ :-)
      Worüber ich außerdem froh bin? Dich zwischenzeitlich endlich mal live zu Gesicht zu bekommen, hehe! Hat mich sehr gefreut!
      Alles Liebe,
      Carmen

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