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Verpackungsfrei! Das kommt nicht in die Tüte

21. Juli 2016 , In: Alltag, Konsum
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Gut sind: Andersdenker.

Was früher der Greißler in jedem kleinen bis großen Ort war, ist heute der innovative Supermarkt mit dem neuartigen Konzept: Man findet dort nämlich die Produkte lose vor.

Wer dieser Greißler ist? Schlimm genug, dass ich beim Schreiben dieses Artikels fürs Biomagazin feststellen musste, dass die Word-Autokorrektur dieses Urgestein der Konsumgeschichte nicht mehr kennt. Also, für alle die zu jung sind, um sich zu erinnern oder die in ihrer Kindheit nicht ordentlich Kaufmannsladen gespielt haben: Greißler nennt man ein kleines Geschäft, in dem es eine bunte Warenvielfalt gibt. Die nötigsten Dinge für das tägliche Leben eben. Der Greißler ist auch gleichzeitig die Person hinter dem Tresen. Derjenige, der die losen Produkte in Papiersackerl (=tüten) steckt.

Nun macht man das selbst. Immer mehr findige Unternehmerinnen und Unternehmer besinnen nämlich sich auf die Zeiten, in denen von Unmengen Verpackungsmüll noch kein Mensch gesprochen hat. Sie stellen wieder Supermärkte zu Verfügung, in denen man genau das einpacken kann, was gerade benötigt wird. Leider rechnet sich das manchmal nicht (siehe Liebe & Lose, im Artikel ganz unten) oder schlecht. Die Oberösterreichischen Nachrichten berichteten kürzlich, dass das erste verpackungsfreie Linzer Geschäft kurz vor dem Aus steht. Das soll doch nicht sein! Oder? Denkt doch ein bisschen nach, denkt anders, bitte!

Was das Konzept dahinter ist und wo ihr verpackungsfrei einkaufen könnt, gibt’s hier kompakt nachzulesen im Biomagazin:

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Der Artikel im Biomagazin: Das kommt mir nicht in die Tüte!

Das kommt mir nicht in die Tüte!

Unsere Großeltern kauften verpackungsfrei ein, weil sie es vom Greißler ums Eck nicht anders kannten. Wir möchten auf den zusätzlichen Müll auch gerne wieder verzichten. In immer mehr Geschäften ist das mittlerweile möglich – Carmen Hafner hat sich für uns umgesehen.

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Pro Person und Jahr fallen auf uns Österreicher etwa 130 Kilogramm Verpackungsmüll zurück. Plastik, das um die frischen, regionalen Biotomaten gewickelt ist. Der Kunststoff zwischen unserem Frühstücksmüsli und seiner papierenen Außenhülle. Gleichgültig ob biologisch oder nicht, die Produkte werden zumeist in bestimmten Verpackungsgrößen in den Markt geliefert und dort so zum Verkauf angeboten. Ob der Verbraucher genau diese Menge auch benötigt, ist die nächste damit verbundene Ungereimtheit: Viele Lebensmittel wandern in den Müll, bevor sie verderben. Oder sie werden schlecht, weil sie einfach nicht rechtzeitig verwertet werden können.

Weniger Abfall

Gegen diese Problemstellungen kämpft die Zero-Waste-Bewegung an. Der Leitgedanke ist, unnötigen Abfall zu vermeiden. Und zwar direkt beim Einkauf als Verpackung, sowie später, wenn die erworbenen Dinge vielleicht gar nicht zur Gänze aufgebraucht werden. Das ist allerdings einfacher gesagt, als getan. In den meisten Supermärkten gibt es keine losen Produkte zu erwerben, abgesehen von etwas Obst und Gemüse – aber wo dieses liegt, warten praktische, kleine Plastiksäckchen darauf, die unverpackten Bananen zur Kasse zu befördern. Um daheim bestenfalls noch mal Anwendung als Biomüll-Sack zu finden, aber auch nur bei den ganz bewussten Konsumenten.

Um wirklich weniger Müll anfallen zu lassen, ist also eine Bewusstseinsänderung seitens der Verbraucher wünschenswert und überaus hilfreich. Das alleine reicht aber nicht aus. Glücklicherweise haben sich in letzter Zeit immer mehr findige und nachhaltig agierende Geschäftsleute bemüht, beim Angebot unverpackter Waren nachzuhelfen. Deutschland hat es uns vorgemacht, aber auch in Österreich kann man in mittlerweile drei Städten in Läden aus dem Sortiment wählen, ohne eine Verpackung entsorgen zu müssen.

Das Prinzip

Es funktioniert in allen verpackungsfreien Supermärkten weitgehend ähnlich: Man bestimmt selbst, wieviel wovon gekauft wird – und wie man die Produkte nachhause transportiert. Entweder spaziert man mit seinen eigenen Behältern ins Geschäft, lässt diese vor dem Befüllen an der Kassa sowie bei den jeweiligen Produkten wiegen und weiß so, welche exakte Menge schlussendlich zu bezahlen ist. Meistens kann man vor Ort aber auch wiederverwendbare Gefäße, Gläser und dergleichen kaufen oder gegen einen kleinen Pfand von rund einem Euro ausborgen. Kommen jedoch Kunden zum Spontaneinkauf, die weder Vorratsgeschirr dabei haben, noch aus der Gegend und somit bald wieder hier sind, gibt’s auch oft auch recycelte Papier- oder Stoffsackerl.

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Unverschwendete Lebensmittel

Es gibt Unternehmen, die sich den Lebensmitteln widmen, die auf dem Markt nicht verkauft werden können. Das Start-Up Unverschwendet beispielsweise hilft bei der Vermeidung von Lebensmittelabfällen und sammelt Waren, die nicht benötigt werden: Einerseits von Lieferanten, weil sie vielleicht nicht das ideale Aussehen haben. Oder weil einfach ein Überschuss vorhanden ist und keine weiteren Abnehmer gefunden werden. Auch Privatleute öffnen ihre Gärten für Cornelia Diesenreiter, die dann mit ihrem Team Obst und Gemüse erntet und zu Marmeladen, Chutneys, Sirup und allerhand weiteren Leckereien verkocht. Bis Mitte Mai läuft dazu noch eine Crowdfunding-Kampagne; ab dem Sommer wird es die Produkte im Onlineshop zu kaufen geben.

Das alles kann funktionieren! Wenn auch nicht überall gleich gut, wie das verpackungsfreie Start-Up Liebe & Lose kürzlich erfahren musste (siehe unten). Was für die Betreiber eines derartigen Supermarkts wichtig ist?

3 Fragen an:

Franz Seher, Geschäftsführer des Holis-Markts in Linz:

Wie ist die Idee zu eurem innovativen Shopkonzept entstanden?

Beim Einkaufen. Ich wollte eine Alternative zu den biologischen Supermärkten, die entweder aussehen wie normale Diskonter – oder so richtige Öko-Shops. Mein Bestreben ist es, die Lebensmittel bestmöglich in Szene zu setzen und alles wegzulassen, was nicht notwendig ist. Also die Verpackung.

Wofür loben euch die Kunden?

Besonders wegen unserer schönen Mehrweggläser und der frei wählbaren Menge. Und für unsere gute Küche.

Was sind die größten Hürden?

Die Gewöhnungsphase an das ungewohnte System ist sehr lange. Die Kunden finden es irgendwie komisch und trauen sich teilweise nicht. Aber da müssen wir gemeinsam durchtauchen, dann klappt das mit der Umstellung.

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Verpackungsfrei einkaufen in…

Wien:

In Lunzers Maß-Greißlerei gibt es Bio-Lebensmittel von regionalen Landwirten und kleinen Produzenten, nicht vom Großmarkt. Inhaberin Andrea Lunzer bevorzugt den persönlichen Kontakt, um sicherzustellen, wirklich die ihrer Meinung nach beste Biomilch aus dem Waldviertel, qualitativ hochwertiges handgepflücktes Obst der Saison sowie Biogemüse vom eigenen Bauernhof zu erhalten.
Wer eine kurze Pause benötigt, kann im angeschlossenen Kaffeehaus das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Hier wird täglich ein warmer Mittagsteller und Suppe, natürlich Kaffee und samstags auch mal hausgemachter Kuchen kredenzt.

Wo: Heinestraße 35, 1020 Wien
Wann: MO – FR 9-19 Uhr, SA 9-17 Uhr
WWW: Lunzers Maß-Greißlerei

Linz

Im holis market finden bewusste Konsumenten großteils biologische Lebensmittel, verpackungfrei angeliefert und selbstverständlich auch so verkauft. Dass holis dem ganzheitlichen Ursprung seines Namens gerecht wird, beweist Mastermind Franz Seher durch das Angebot einer Ernährungsberatung direkt im Markt. In holis kitchen, ebenfalls vor Ort, gibt’s zudem täglich frische Suppen und Tagesgerichte, auch zum Mitnehmen. Apropos: Für 2016 ist ein Lieferservice der holis-Produkte geplant.

Wo: Johann-Konrad-Vogel-Straße 7-9, 4020 Linz
Wann: MO – FR 10-18 Uhr, SA 10-17 Uhr
WWW: www.holis-market.at

Graz

Am 30. April war es so weit: Nach der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne rund um die erste verpackungsfreie Greißlerei in Graz eröffnete Das Gramm. Regionalität und  vor allem Nachhaltigkeit schreiben die beiden Gründerinnen Verena Kassar und Sarah Reindl groß, das merkt man auch am Konzept der Wiederverwertung unverkaufter Produkte: Ganz nach dem Zero-Waste-Prinzip werden diese nämlich im angeschlossenen Lokal verkocht und als Mittagsmenü angeboten.

Wo: Neutorgasse 7, 8010 Graz
Wann: MO – FR 10-20 Uhr, SA 10-17 Uhr
WWW: www.dasgramm.at

Innsbruck:

Aus der Stadt in den Tiroler Bergen gibt es leider schlechte Nachrichten: Das Liebe & Lose musste Anfang April nach nur sieben Monaten in der Innsbrucker Markthalle seine Pforten wieder schließen. Noch zeigt sich Initiator Georg Dominguez aber optimistisch und hält an der Vision Verpackungsfreiheit fest: „Die Planungen laufen auf Hochtouren, damit es eine baldige Wiedereröffnung mit einem kleineren losen Sortiment und nachgefragten Produkten geben kann.“

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  1. Antworten

    Sehr cool, es sollte so viel mehr von diesen Läden geben! Absolut vorbildlich!!! Gab es denn eine Wiedereröffnung?

      • Carmen
      • 24. August 2016
      Antworten

      Ja, das find ich auch – allerdings ist es zur Wiedereröffnung erst mal ein weites Stück. Denn wie ich zwischenzeitlich erfahren hab, musste nun auch der holis-Markt fürs Erste schließen :-(

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